Sehr geehrte Damen und Herren,
in Sachsen-Anhalt entscheidet viel zu oft die Herkunft über die Zukunft. Viel zu oft entscheidet der Geldbeutel der Eltern über den Bildungsweg der Kinder.
Und ganz ehrlich: Das ist ein Skandal.
Denn Schule soll Chancen eröffnen. Schule soll Kinder stark machen. Schule soll soziale Ungleichheit abbauen.
Was unser Schulsystem aber viel zu oft macht, ist das Gegenteil: Es sortiert früh aus. Es trennt zu schnell. Es gleicht ungleiche Startbedingungen zu wenig aus. Und am Ende verfestigt es Unterschiede, für die Kinder überhaupt nichts können.
Gerade erst hat wieder eine Langzeitstudie gezeigt, was wir eigentlich seit Jahren wissen: Bildungsungleichheit entsteht in Deutschland früh. Sie bleibt stabil. Und sie zieht sich durch den ganzen Bildungsweg vom Kind bis ins Erwachsenenalter. Kinder aus privilegierten Familien haben bessere Chancen. Kinder aus armen oder bildungsbenachteiligten Familien haben schlechtere Chancen. Und unser Bildungssystem wirkt dabei viel zu selten als Ausgleich, sondern viel zu oft als Verstärker.
Es ist eine Tür, die den Kindern aus armen und benachteiligten Kindern vor der Nase zugeschlagen wird, bevor sie hindurchgehen können.
Und Sachsen-Anhalt steht bei dieser Ungerechtigkeit besonders schlecht da. Wir haben eine der höchsten Schulabbruchsquoten. Wir haben beschämend hohe Werte bei der Exklusion von Kindern mit Behinderung aus dem Regelschulsystem. Und wir haben seit Jahren dieselbe bittere Wahrheit: In kaum einem Bereich wirkt sich das Elternhaus so stark auf den Bildungserfolg aus wie hier in Sachsen-Anhalt. Denn die Studie des ifo-Instituts zu Bildungschancen attestiert Sachsen-Anhalt gemeinsam mit Sachsen die bundesweit schlechtesten Chancenverhältnisse bei der Bildungsgerechtigkeit.
Man muss sich doch irgendwann mal ehrlich machen: Das ist kein Naturgesetz. Der Zusammenhang zwischen dem sozialen Hintergrund und dem Bildungserfolg ist nicht Gott gegeben. Das zeigt auch der internationale Vergleich, in dem andere Länder viel besser abschneiden als Deutschland bei der Bildungsgerechtigkeit.
Das ist das Ergebnis von Bildungspolitik.
Und damit sind wir bei der CDU.
Denn die CDU prägt die Bildungspolitik in Sachsen-Anhalt seit Jahrzehnten wie keine andere Partei. Und die Bilanz dieser Politik ist eben nicht modern, nicht gerecht und nicht zukunftsgerichtet. Die Bilanz ist Stillstand. Die Bilanz ist Mangelverwaltung. Die Bilanz ist ein Bildungssystem, das zu oft an den Kindern vorbeigeht. Das Türen zuschlägt. Und die Bilanz ist, dass sich an der Abhängigkeit von Herkunft und Bildungserfolg viel zu wenig verändert hat.
Die CDU hat unser Bildungssystem über Jahre verwaltet, aber viel zu selten gestaltet. Sie hat notwendige Reformen blockiert. Sie hat an einem starren System festgehalten, das soziale Unterschiede verfestigt. Und sie hat damit verhindert, dass Sachsen-Anhalt bei der Chancengerechtigkeit endlich vorankommt.
Der zentrale Fehler dieses Systems liegt doch offen auf dem Tisch und beginnt schon in der Grundschule: Wir teilen Kinder nach der vierten Klasse auf. In einem Alter von neun bis zehn Jahren. In einem Alter also, in dem Kinder sich noch massiv entwickeln. In einem Alter, in dem manche gerade erst Sicherheit gewinnen. In einem Alter, in dem die Unterstützung zuhause, der Geldbeutel der Eltern, Sprache, Auftreten und Selbstvertrauen einen riesigen Unterschied machen.
Wer Kinder nach vier Jahren Schule sortiert, sortiert eben nicht nur nach Leistung. Er sortiert vor allem nach Herkunft. Er sortiert nach Geldbeutel.
Und trotzdem tun manche so, als sei genau dieser Zeitpunkt der große Moment objektiver Leistungsgerechtigkeit.
Ganz ehrlich: Das ist bildungspolitische Romantik für Leute, die nie von diesem System benachteiligt wurden.
Genau deshalb sagen wir Grünen seit Langem: Diese frühe Aufteilung muss aufhören!
Wir wollen längeres gemeinsames Lernen mindestens bis zur sechsten Klasse.
Weil Kinder mehr Zeit brauchen. Weil Entwicklung mehr Zeit braucht. Und weil Bildungsgerechtigkeit mehr Zeit braucht.
Jetzt kommt die Frage, wie es nach der Grundschule weitergeht. Und ich finde, an diesem Punkt wird es politisch wirklich interessant.
Denn in den letzten Wochen haben plötzlich auch SPD und CDU das Thema der Schulstruktur für sich entdeckt. Die SPD will stärker auf Gemeinschaftsschulen setzen. Die CDU will Sekundar- und Gemeinschaftsschulen irgendwie zusammenführen und am Ende im Wesentlichen ein neues Namensschild an die Tür hängen.
Da kann man ja erst mal sagen: Willkommen in der Debatte. Schön, dass Sie jetzt auch da sind.
Aber dann muss man eben auch die Frage stellen: Wenn jetzt selbst SPD und CDU so großen Reformbedarf sehen, warum haben Sie dann bitte diese Legislaturperiode so ungenutzt verstreichen lassen?
Warum kommt diese Einsicht jetzt? Im Wahlkampf? Im letzten Moment? Weil jetzt die Wahlprogramme geschrieben werden und plötzlich die Koalitionäre feststellen, dass das System knirscht?
Die Kinder in Sachsen-Anhalt hatten von dieser späten Erkenntnis bisher herzlich wenig. Die Jugendlichen, die durch dieses System durchmussten, hatten davon nichts. Die Lehrkräfte, die seit Jahren unter denselben strukturellen Problemen leiden, hatten davon auch nichts.
Man hat in Sachsen-Anhalt lange genug gewartet. Lang genug am bestehenden System festgehalten. Solange, bis es kaputt gegangen ist. Bis die Lehrkräfte nicht mehr wollten oder schlimmer noch: nicht mehr konnten. Bis die Schulen auseinanderflogen. Bis immer mehr Schüler*innen ohne Schulabschluss die Schule verlassen.
Und gerade bei der CDU sieht man ja auch, wie halbherzig dieses neue Problembewusstsein ist. Denn was da vorgeschlagen wird, ist am Ende vor allem eins: Kosmetik.
Eine Sekundarschule bekommt ein neues Türschild, heißt jetzt Oberschule und am Ende bleibt doch alles beim Alten.
Die Eltern schicken ihre Kinder dennoch aufs Gymnasium. Und ganz ehrlich, das kann ich nachvollziehen. Ich habe es mit meiner Tochter genauso gemacht. Wir Eltern wollen das Beste für unsere Kinder. Die besten Chancen.
Die Lehrkräfte an Sekundarschulen geben sich alle Mühe, keine Frage. Aber wer möchte schon sein Kind auf eine Schulform schicken mit – wenn auch viel zu oft unverdient – schlechten Ruf und schlechteren Bedingungen?
Und gerade deswegen brauchen wir eben keine kosmetische Reform. Wir brauchen eine echte.
Und die liegt von grüner Seite aus längst auf dem Tisch. Wir haben es Ihnen mit diesem Antrag aber noch mal aufgeschrieben. So als Serviceleistung.
Wir wollen ein zweigliedriges weiterführendes Schulsystem aus Gemeinschaftsschulen und Gymnasien. Wir wollen echte Gemeinschaftsschulen stärken, an denen alle Schulabschlüsse möglich sind. Damit diese eine ECHTE Alternative zu Gymnasien sind und nicht als Resterampe wahrgenommen werden. Wir wollen Hürden abbauen, damit an allen Gemeinschaftsschulen auch Oberstufen entstehen können. Wir wollen Gymnasien die Möglichkeit geben, wieder zum Abitur nach 13 Schuljahren zurückzukehren. Wir wollen alle Schulen zu Ganztagsschulen weiterentwickeln. Wir wollen Schulen zu Dritten Orten machen, gerade im ländlichen Raum. Zu Orten der Gemeinschaft, die die Dorfgesellschaft bereichern und zusammenhalten. Wir wollen, dass inklusive Bildung in Sachsen-Anhalt zur Norm, anstatt zur Ausnahme wird. Wir wollen so viele Förderschulen wie möglich abschaffen, insbesondere und als ersten Schritt die Förderschule Lernen. Und so Förderfachkräfte für die notwendige Unterstützung im gemeinsamen Regelunterricht freimachen. Und wir wollen die Lehrkräfteausbildung so verändern, dass sie zu diesem gerechteren und moderneren System auch passt.
Das ist für uns Grüne kein spontaner Wahlkampfeinfall. Das hat alles einen Kern: mehr Chancengerechtigkeit.
Denn darum geht es doch am Ende. Es geht um die Kinder, bei denen zuhause keine Nachhilfe bezahlt werden kann. Es geht um die Kinder, deren Eltern im Schichtdienst arbeiten. Es geht um die Kinder, die beim Schuleintritt sprachliche Unterstützung brauchen. Es geht um Kinder mit Behinderung, die ein Recht auf gemeinsame Bildung haben. Es geht um Kinder in ländlichen Räumen, für die der Erhalt kleiner Schulen auch ein Stück Teilhabe bedeutet. Es geht um Jugendliche, die mehr Lernzeit und Entwicklungszeit brauchen statt immer mehr Druck.
Für diese Kinder entscheidet sich an der Schulstruktur mehr als nur eine Verwaltungsfrage. Für sie entscheidet sich, ob Türen offen stehen oder früh zufallen. Diese Kinder verdienen Chancen. Sie verdienen die Möglichkeit, den für sie besten Schulabschluss zu erreichen.
Und genau da hat die CDU-Bildungspolitik in Sachsen-Anhalt über Jahre versagt.
Deshalb sage ich auch sehr klar: Wir brauchen keinen weiteren PISA-Schock. Wir brauchen keine nächste Studie, die uns wieder schwarz auf weiß zeigt, dass Herkunft in Deutschland und in Sachsen-Anhalt zu viel über Zukunft entscheidet. Wir wissen das längst. Und wir wissen auch längst, was helfen würde.
Unser Antrag ist dafür ein sehr konkreter Schritt. Er verlangt von der Landesregierung, noch bis zum Ende dieser Legislatur ein Konzept für die grundlegende Reform des Bildungssystems vorzulegen. Nicht irgendwann. Nicht nach dem nächsten PISA-Schock. Nicht wenn wieder alle überrascht tun. Sondern jetzt. Damit die nächste Legislaturperiode nicht wieder mit Prüfung, Vertagung und Ausrede beginnt, sondern mit Umsetzung.
Denn es wurde in Sachsen-Anhalt lange genug abgewartet. Und die Leidtragenden dieses Wartens sind Kinder. Es sind Jugendliche. Es sind junge Menschen, deren Chancen kleiner gemacht wurden, als sie sein müssten.
Wir Grünen wollen ein Bildungssystem, das fördert statt zu früh auszusortieren. Ein Bildungssystem, das Kinder länger gemeinsam lernen lässt. Ein Bildungssystem, das Inklusion als Normalität versteht. Ein Bildungssystem, das mehr Lernzeit, mehr Durchlässigkeit und mehr echte Teilhabe ermöglicht.
Bildung darf in Sachsen-Anhalt kein Vererbungsprogramm bleiben. Die Entbildungspolitik muss endlich beendet werden.
Stimmen Sie unserem Antrag zu.
Vielen Dank.