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Antifeminismus bekämpfen – Demokratie und Gleichstellung in Schulen stärken

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Sehr geehrte Damen und Herren,

Frauenhass und Antifeminismus sind im Trend. Glauben Sie nicht? Vielleicht, weil sie so simpel und einfach daher kommen. 

Als Lifestyle-Vlog einer Frau, die beim Backen selbst das eigene Mehl herstellt und dabei erzählt, wir gerne sie sich als Hausfrau um Kind und Mann kümmert. 

Als Tiktok indem ein selbsternannter Datingexperte erklärt, dass wenn man nur hartnäckig dranbleibt, „Mann“ doch jede Frau rumkriegt – egal ob sie nein gesagt hat. 

Als Reel, indem ein durchtrainierter Mann erzählt, es sei besonders männlich, Frauen auf der Straße nicht auszuweichen, sondern sie einfach umzurämpeln, wenn sie „keinen Platz macht“. So hätte sich ein Alpha-Mann zu benehmen.

Als Reality-TV-Show, in der ein Z-Promi stolz damit prahlt, wie er seine Freundin nach der Verlobung zum Sex gedrängt hat durch emotionale Erpressung. Obwohl sie eigentlich nicht wollte und nein gesagt hatte. Schließlich hätte er als „maskuliner Mann“ sich das als „Belohnung“ für die Verlobung verdient. 

Frauenverachtung ist überall. In Medien, in der Gesellschaft und auch hier im Parlament: Wenn sexuelle Belästigung im Innenhof des Landtags als verunglückter Handkuss bezeichnet wird. Wenn bei einer Dienstreise nur ein Zimmer für den Abgeordneten und seine Mitarbeiterin gebucht wird, der Vorwurf einer Vergewaltigung im Raum steht und das dann in den Zeitungen als heimliche Affäre betitelt wird.

Frauenhass verbreitet sich im Netz rasant und weitreichend. Nicht nur in Videos, wie schon beschrieben, sondern auch in Onlinecommunities, Blogs und Foren. Dort findet man von „Männlichkeitscoachings“ und Tipps zur Selbstoptimierung über Fantasien männlicher Vorherrschaft bis hin zu extremem Frauenhass so ziemlich alles. Egal ob Männlichkeitsinfluencer, misogyne Männerrechtsaktivisten, „Pick-up-Artists“ und Incels, also unfreiwillig zölibatär lebende Männer, sie alle eint eins: Sie lehnen die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern ab und machen sie für alle gesellschaftlichen und ihre persönlichen Probleme verantwortlich. Getragen von dem Gefühl, dass „die moderne Gesellschaft“ gegen Männer eingestellt sei, Männer benachteiligen würde. 

Frauenverachtung ist vor allem eins: das Abwerten von Frauen aufgrund ihres Geschlechtes. Es ist eine feindselige Haltung gegenüber Frauen bis hin zum ausdrücklich empfundenen Hass auf Frauen als Gruppe oder auf einzelne Personen, weil sie Frauen sind. 

Antifeminismus ist kein harmloses Randphänomen. Es ist eine Gegenbewegung zur Emanzipation und zur Gleichberechtigung der Geschlechter. Und es ist eine antidemokratische Weltanschauung. Warum? Weil Antifeminismus an einem Grundpfeiler rüttelt: an der Gleichwertigkeit aller Menschen. 

Und hier kommt der zweite, entscheidende Punkt: Antifeminismus funktioniert als Brückenideologie. Er ist „Türöffner“, über den Menschen – insbesondere junge Männer – in autoritäre, rechtsextreme oder fundamentalistische Weltbilder gezogen werden. Denn wie zum Beispiel die Leipziger Autoritarismus Studie feststellte, bildet Antifeminismus wie zum Beispiel auch Muslimfeindschaft eine wichtige Grundlage rechter Mobilisierungsstrategien.  Es ist wie eine „Einstiegsdroge“ zum Rechtsextremismus. 

Und ja: Antifeministische Narrative sind nicht nur im Rechtsextremismus ein Werkzeug. Auch islamistische Akteure nutzen antifeministische Debatten, um junge Männer für ihre Ideologie zu gewinnen.

Dabei ist mir eines ganz wichtig: Frauenhass wird auch instrumentalisiert. Es gibt Akteure, die so tun, als ginge es ihnen um den Schutz von Frauen. Und dann nutzen sie das, um Islamfeindlichkeit und Rassismus zu befeuern. Das ist nichts anderes als der Missbrauch von einer realen alltäglichen Gefahr für Frauen für deren Hetze. Wer Frauenrechte vorschiebt, um gegen Migranten, Muslime oder Menschen anderer Hautfarbe zu hetzen, schützt keine Frau. Das ist kein Feminismus. Das ist Spaltung. Und es ist brandgefährlich.

Antifeminismus ist also nicht nur eine Gefahr für Frauen. Es ist ein Angriff auf unsere Freiheit, auf Selbstbestimmung. Ein Angriff auf die Grundwerte unserer Gesellschaft und damit ganz klar eine Gefahr für unsere Demokratie. 

Doch weder Religion, Kultur, Sprache oder Hautfarbe sind das eigentliche Problem und die Ursache von Frauenhass. Es ist die Sozialisation der Männer. Also die Frage, wie Jungen und Männer in unserer Gesellschaft erzogen werden, wie sie aufwachsen. Welches Männlichkeitsbild sie haben. Mit welchem Selbstverständnis sie sich in der Gesellschaft bewegen. Wer Frauen und Mädchen vor Gewalt schützen möchte, der setzt genau da an. Und deshalb reicht es nicht nur über Strafverfolgung zu sprechen. Ja, Strafverfolgung ist wichtig. Doch Fußfesseln und Frauenhausplätze – so wichtig sie sind – behandeln vor allem Symptome, aber nicht die Ursache. Bildung und Aufklärung – das bekämpft die Ursache.

Unser Antrag ist deswegen Teil einer ganzheitlichen Strategie. Eine Strategie, die mit Prävention durch Bildung beginnt und mit konsequenter Strafverfolgung enden muss. In unserem Antrag beschäftigen wir uns vor allem damit, was Schulen und insbesondere der Unterricht dafür leisten können.

Denn getragen von der medialen Verbreitung findet Frauenhass selbstverständlich auch den Weg in unsere Schulen. Wenn Jungen und Mädchen sich antifeministische und frauenverachtende Videos zuhause, in der Straßenbahn, auf dem Bolzplatz oder dem Schulhof ansehen. Wenn Jungen ihren Klassenkameradinnen in der Mittagspause beim Vorbeigehen an die Brust fassen. Wenn weinende Jungs als Mädchen bezeichnet werden.  Wenn Mädchen schon auf dem Weg zur Schule morgens gecatcalled werden. Wenn der Lehrer erklärt, dass Mädchen eben nicht so gut in Mathe und Physik sind wie Jungen. Wenn dem Jungen gesagt wird, er soll kein Rosa und Glitzer mögen, denn das sei nur was für Mädchen. Das alles sind Folgen antifeministischer Bewegungen. Das alles sind Ausprägungen von Sexismus, Frauenfeindlichkeit und Frauenhass. 

Deswegen wollen wir Feminismus in der Schule stärker vermitteln. Das heißt: Die Geschichte der Frauenbewegung und ihre Errungenschaften sollen sichtbarer werden. Und vor allem: Die Leistungen von Frauen in Geschichte, Kunst und Kultur, Wissenschaft und Forschung sollen viel stärker betont werden. 

Warum? Erstens, weil Wissen darüber viel zu wenig verbreitet ist. Viel zu oft wird zum Beispiel Geschichte nur aus Sicht der männlichen Akteure vermittelt. Aber eben auch, weil Frauenhass davon lebt, Frauen klein zu machen, sie unsichtbar zu machen, sie auf bestimmte Rollen wie Hausfrau, Mutter oder Geliebte zu reduzieren. Feministische Bildung zeigt positive Vorbilder und stärkt damit Mädchen. Gleichzeitig zeigt es Jungs: Stärke, Wissen und Errungenschaften haben nichts mit dem Geschlecht zu tun – große Leistungen für die Gesellschaft haben Frauen wie Männer erbracht.

Zweitens: Wir wollen, dass im Unterricht gezielt über Frauenhass und Antifeminismus gesprochen wird – darüber, wie er entsteht und welche Folgen er hat. Dazu gehört ganz ausdrücklich auch die Verbreitung antifeministischer Inhalte über Social Media. Und dazu gehört die kritische Auseinandersetzung mit Rollenbildern und ihren negativen Auswirkungen.

Sie sollen lernen, wie Algorithmen funktionieren und warum ihnen immer wieder extreme Inhalte vorgeschlagen werden. Und sie sollen lernen, sich dagegen zu wehren: argumentativ, solidarisch, demokratiefest.

Das ist der Kern dessen, was Schule leisten soll: junge Menschen zu mündigen Bürger*innen machen. Zu Menschen, die Verantwortung übernehmen. Für sich und für andere. Und natürlich heißt das auch: Wir dürfen die Lehrkräfte damit nicht alleine lassen. Es braucht entsprechende Fortbildungen und Materialien, die Lehrkräften Sicherheit im Umgang mit Antifeminismus geben. Es braucht Schulsozialarbeit an allen Schulen und der kostenfreie Zugang zu Beratungsstrukturen. 

 Wir Grüne kämpfen dafür, dass Frauenhass und Antifeminismus endlich behandelt werden, als das, was sie sind: eine Bedrohung der Sicherheit von Frauen und Mädchen, eine Gefahr für die Gesellschaft und letztendlich ein Angriff auf die Demokratie. Wer die Ursache von Frauenhass und Antifeminismus bekämpfen will, der setzt bereits in der Bildung an. Deswegen gehört feministische Bildung für uns Grüne in die Schulen. Deswegen ist es wichtig, die Geschichte der Frauenbewegung und die Leistungen von Frauen sichtbar zu machen. Vielfältige Rollenbilder aufzuzeigen und Antifeminismus sowie seine Verbreitung in sozialen Medien klar im Unterricht zu thematisieren.

Stimmen Sie diesem Antrag zu. Für mehr Schutz von Frauen und Mädchen. Für eine Schule, die die Demokratie stärkt. Damit Frauenhass zum Anti-Trend wird. 

Vielen Dank.