Rede

Praxis-Lerntage: Gute Bildung ist die Grundlage für starke Fachkräfte

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Sehr geehrte Damen und Herren,

ein Betrieb in der Altmark sucht Auszubildende. Eine Berufsschule im Süden des Landes kämpft um genügend Lehrkräfte. Eine Jugendliche in Zeitz weiß nicht, ob Ausbildung, Studium oder etwas ganz anderes zu ihr passt. Und eine Schule soll all das auffangen: Grundbildung sichern, Orientierung geben, soziale Probleme abfedern und junge Menschen auf eine Arbeitswelt vorbereiten, die sich rasant verändert.

Das ist die Realität in Sachsen-Anhalt. 

Und deshalb ist die Frage dieser Debatte richtig: Wie schaffen wir Bildung, die jungen Menschen Perspektiven gibt und zugleich unser Land wirtschaftlich stärkt?

Aber die Antwort der CDU greift zu kurz.

Die CDU stellt Praxislerntage ins Schaufenster und nennt das Wachstumsmotor. Das klingt gut. Das passt in eine Pressemitteilung. Das macht sich gut mit Kammern, Verbänden und Unterschriften. Aber das löst noch längst nicht die gravierenden Probleme, die sich in unseren Schulen stellen. Lehrkräftemangel, Unterrichtsausfall, zu viel Bürokratie, politische Eingriffe und Bedrohungen durch Rechtsextreme, zu wenig Schulsozialarbeit und Schulpsycholog*innen, verschleppte Digitalisierung. Das sind alles Probleme, die gelöst werden müssen. Die Bildungskrise ist eine der größten Krisen, die sich Sachsen-Anhalt stellt.

Praxisnähe in der Bildung  ist wichtig. Keine Frage.

Wir Grüne wollen eine starke Berufs- und Studienorientierung an allen weiterführenden Schulformen. Wir wollen flexible Unterrichtsmodelle. Auch mit Praxis-Lerntagen. Jugendliche sollen Betriebe kennenlernen. Sie sollen ins Handwerk schauen, in Pflegeeinrichtungen, Labore, Werkstätten, Verwaltungen, Hochschulen, Start-ups, Unternehmen der Energiewende. Und sie sollen sich auch Universitäten und Hochschulen anschauen können, unabhängig von der Schule, in der sie lernen. Sie sollen erleben, was sie können. Und was zu ihnen passt.

Doch wer eine starke Wirtschaft will, braucht nicht nur Jugendliche, die irgendwann im Betrieb stehen. Er braucht Kinder, die vorher lesen können. Rechnen können. Sich ausdrücken können. Digital arbeiten können. Im Team handeln können. Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten entwickeln. Wer Fachkräfte will, muss Grundbildung ernst nehmen.

Bildungsungleichheit beginnt früh. Sie zeigt sich vor der Schule, beim Wortschatz, bei frühen mathematischen Fähigkeiten, bei der Frage, wer gute Förderung bekommt. Sie setzt sich fort bei Noten, Empfehlungen, Übergängen, Abschlüssen. Und sie trifft besonders Kinder, deren Eltern weniger Geld, weniger Zeit oder weniger Bildungserfahrung mitbringen.

Das ist nicht nur ein soziales Problem. Das ist auch ein wirtschaftliches Problem.

Denn jedes Kind, dessen Talent übersehen wird, fehlt später auch diesem Land. Jeder Jugendliche, der ohne Abschluss geht, fehlt später in Betrieben, in Pflege, im Handwerk, in der Verwaltung, in der Forschung. Jede junge Frau, die nie erfährt, dass Technik etwas für sie sein könnte, fehlt später bei der Energiewende. Jeder junge Mensch, der den Weg zur Ausbildung nicht findet, ist kein individuelles Versagen. Das ist ein Verlust für Sachsen-Anhalt.

Und da reicht es nicht, liebe CDU, die Schule näher an die Wirtschaft zu schieben.

Nein. Sachsen-Anhalt braucht mehr.

Sachsen-Anhalt braucht ein Bildungssystem, das Talente nicht nur verwaltet, sondern entwickelt. Das nicht nur fragt: Was braucht der Arbeitsmarkt? Sondern zuerst fragt: Was braucht dieses Kind, um stark zu werden?

Dazu gehört längeres gemeinsames Lernen. Weil Kinder sich unterschiedlich entwickeln. Weil nicht mit zehn Jahren entschieden werden darf, wer später welchen Weg gehen kann. Weil frühe Sortierung soziale Unterschiede verstärkt. Wir Grüne wollen die Grundschule bis Klasse 6 weiterentwickeln und Gemeinschaftsschulen stärken. Damit Wege offenbleiben. Damit Abschlüsse möglich bleiben. Damit ein späterer Bildungsweg nicht vom Elternhaus abhängt.

Dazu gehört Schulsozialarbeit. Nicht als Bonus. Nicht als Projekt, das irgendwann ausläuft. Sondern als feste Unterstützung im Schulalltag. Wer junge Menschen in Ausbildung bringen will, muss sie vorher stabilisieren. Muss Konflikte auffangen. Muss Familien beraten. Muss Lehrkräfte entlasten. Muss verhindern, dass Jugendliche verschwinden, bevor Berufsorientierung überhaupt wirken kann. Und deswegen ist es so fatal, dass auch in dieser Legislatur die Koalitionsfraktionen von CDU, SPD und FDP es nicht auf die Reihe bekommen haben, ein Landesprogramm Schulsozialarbeit auf die Beine zu stellen. Ein fatales Signal für die Schulen und Schüler*innen die sie besuchen. Und vor allem ein fatales Signal an die Schulsozialarbeiter*innen in unserem Land, die großartige und so wichtige Arbeit leisten. 

Dazu gehört Ganztag mit Qualität. Ganztag darf nicht einfach nur eine Nachmittagsbetreuung sein. Er muss Räume öffnen: für Sport, Musik, Kultur, Demokratiebildung, digitale Bildung, Berufsorientierung, Hausaufgabenhilfe und Begegnung mit Betrieben und Hochschulen. Gerade Kinder ohne Netzwerke zuhause brauchen solche Erfahrungen in der Schule.

Und dazu gehören faire Übergänge. Nicht alle Jugendlichen haben Eltern, die wissen, welche Ausbildung Zukunft hat, welche Frist gilt, welche Hochschule passt oder wie man einen Betrieb anspricht. Deshalb brauchen wir starke Jugendberufsagenturen, gute Beratung, erreichbare Berufsschulen in allen Regionen und sozialpädagogische Begleitung gerade für diejenigen, die es schwerer haben.

Das ist grüne Politik, die junge Menschen stärkt. Und die führt auch zur besseren Wirtschaftspolitik.

Weil wir Wirtschaft und Bildung verbinden. Weil wir Handwerk, Ausbildung, Hochschulen, Forschung, Start-ups, kleine und mittlere Unternehmen und Klimaberufe zusammendenken. Weil die Energiewende Fachkräfte braucht. Weil moderne Industrie Fachkräfte braucht. Weil Pflege, Kitas, Schulen, Verwaltung, Krankenhäuser, Arztpraxen, Mittelstand und Landwirtschaft Fachkräfte brauchen. Und weil diese Fachkräfte nicht vom Himmel fallen.

Sie sitzen heute in unseren Klassenzimmern.

Vielleicht noch unsicher. Vielleicht ohne perfekten Lebenslauf. Vielleicht mit Eltern, die keine akademischen Wege kennen. Vielleicht mit einer Behinderung. Vielleicht mit Deutsch als neuer Sprache. Vielleicht auf dem Dorf, weit weg vom nächsten Berufsschulstandort. Genau deshalb muss Politik Brücken bauen.

Die CDU stellt eine wackelige Hängebrücke auf morschen Boden und feiert den Spatenstich. Wir sagen: Erst muss das Fundament stimmen. Unterricht. Grundkompetenzen. Schulsozialarbeit. Ganztag. Beratung. Gerechte Schulstrukturen. 

Stellen wir uns Sachsen-Anhalt anders vor: Eine Schülerin aus Hettstedt macht einen Praxis-Lerntag in einem Solarbetrieb, weil ihre Schule gute Kontakte hat. Danach spricht sie mit einer Berufsberaterin. In der Schülerfirma macht sie praktische Unternehmenserfahrungen. Und das wirkt besser als jede Einzelstunde Wirtschafts-Pflichtunterricht. In der AG am Nachmittag an einer Ganztagsschule baut sie mit anderen ein Technikprojekt. Ihre Lehrerin erkennt ihr Talent. Später macht sie eine Ausbildung, wird Meisterin oder studiert Ingenieurwesen. Nicht, weil sie Glück hatte. Sondern weil Bildung und Wirtschaft endlich zusammenwirken und Chancen schaffen.

Genau so wird Sachsen-Anhalt stark. 

Nur mit Grün wird Bildung zur Grundlage für eine Wirtschaft, die Zukunft hat.

Vielen Dank.